Vom Versuch einen Kontinent zu endecken
Sonntag, 25. November 2012
Neues aus Entenhausen
andre.jahn | 25. November 12 | Topic 'Venezuela'
Einleitung

Entschuldigen möchte ich mich zunächst für meine lange skriptische Abwesenheit, ein doch recht dicht gepackter Reiseplan und die nur sehr sporadisch gesäte Möglichkeit zur Internetnutzung in ländlichen Gebieten möchte ich an dieser Stelle als schlechte Vorwände anführen. Allerdings ahnt bereits jeder der mich nur auf eine Zigarettenlänge kennt, dass es lediglich mein erbarmungsloser Drang zur Prokrastination war der mich von der Niederschrift abhielt. Wie dem auch sei, ich habe in den vergangenen Wochen mehr als genug Material für die ein oder andere Geschichte festhalten können, gespickt mit infektiösen Anekdoten und ungarem Halbwissenschaftlichkeiten die ich hier gegebenermassen ausspare, allerdings gern bei einer kühlen Cerveza mit jedem teile der ein offenes Ohr hat. Beginnen möchte ich mit einem Nachtrag zum Umland von Maracaibo, dem Besuch von ¨Klein Venedig¨.



Neues aus Entenhausen

Warum heißt ein Land eigentlich wie es heißt? Gute Frage! Und viel zu selten gestellt. Im Falle von Venezuela war ich in der glücklichen Lage mit eigenen Augen eine der mir bekannten Geschichten am historischen Originalschauplatz zu überprüfen. Die Rede ist von der Sinamaica Lagune im Norden des Landes, nahe der Karibikküste. Es trug sich wohl in etwa so zu: im Jahr des Herren 1499 schipperte eine gut gelaunte und auf Eroberung eingestellte spanische Exkursion entlang der Nordküste dieses noch unbenannten Fleckens Erde und stellte mit einigem europäischen Entzücken fest, dass die gemeinen ortansässigen Eingeborenen ganz im Sinne zeitgemäßer venezianischer Bauherrenkunst ihre Hütten ebenfalls als ausgetüftelte Pfahlbauten im Wasser errichteten. Achtung Assoziationskette: Venedig – Klein Venedig – Vene…zuela. Klingelt‘s? Bei mir auch nicht so ganz, aber Geschichte ist eben Geschichte, ich denk mir das ja nicht aus.



Warum genau die Añu-Paraujana – also die Nichtmigranten in dieser Episode – ihre Behausungen nicht einfach an Land sondern zu großen Teilen im Wasser errichteten ist mir leider nicht bekannt, sie hatten aber sicher sehr gute Gründe dafür. Wie auf den Fotos zu sehen habe ich mich mit einem kleinen Boot durch die noch heute bewohnte Siedlung bewegt und in Auszügen beobachten dürfen wie sich ein Alltag unter solchen Bedingungen darstellt. Der Transport sämtlicher Güter und Personen findet natürlich auf dem Wasserweg statt, per Klein- und Kleinstboot mit Handantrieb zum Einkauf in den örtlichen Tante-Ema-Laden oder auf ein Bierchen in die Kneipe. Alle größeren Besorgungen für die gesamte Kommune wie beispielsweise Benzin oder Baustoffe werden mit dem motorisierten Einbaum erledigt.


(Transport von Benzinfässern)

Um dem Irrglauben vom fern der Zivilisation lebenden Buschvolk vorwegzugreifen: es existiert sowohl fliesend Wasser, Strom, Kabelfernsehen und Internet, eine Schule, eine Bar, eine Kirche und alles andere was ein modernes Indianer-Dörfchen im 21.Jhd. eben so sein Eigen nennt. Ja, ich weiß was ihr jetzt denkt und ihr habt verdammt nochmal recht! Es ist traurig, wirklich Hundewelpen-mit-Hinkepfote-traurig, aber der Vergleich muss an dieser Stelle elegant eingeflochten werden: teilweise sind südamerikanische Eingeborenendörfer ohne Straßenanbindung besser ausgestattet als so manche ländlich gelegene Tausend-Seelen-Gemeinde in Brandenburg. Das aber nur als Randnotiz.

Ich schweife ab! Doch jetzt fahre ich wieder fort! Und zwar in den Südosten meines ersten Gastlandes, in eine Stadt die nach dem heldenhaften Befreier nahezu des gesamten Kontinentes benannt ist: es geht nach Ciudad Bolìvar einem schönen Städtchen am mystisch braunen Orinoco River. Dort angekommen ist es mein erklärtes Ziel in den Fußspuren eines großen Mannes zu wandeln, nicht etwa in denen von (Achtung voller Name!) Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar Palacios y Blanco, alias „El Libertador“ – der Kontinent ist ja irgendwie teilweise schon so etwas wie befreit - sondern in denen von Gerd Altman!


(Gerds beschauliches Heim, das ehemalige Pfarrhaus der Stadt)

Der hat nämlich den mit Abstand umfassendsten Wissensschatz über den zeitlich begrenzten und trotzdem sicheren Aufenthalt im Dschungel, jedenfalls von allen Leuten die ich so kenne. Außerdem spreche zwei gute und augenscheinliche Argumente klar für Gerd: Erstens er war schon häufig und lange in der grünen Lunge unseres Planeten unterwegs, hat also jede Meng Erfahrung und zweitens: er ist immer noch am Leben und kann mir davon erzählen. Was er am Abend vor unserem Aufbruch ins Basiscamp auch gern und lange getan hat. Allein die Anekdote darüber wie man 10 Jahre lang in Rio hängenbleiben kann und auf einen Session-Missionar namens Moses wartet, verdient aber schon ein eigenes Buch und würde den ohnehin schon gesprengten Rahmen dieses Blogg-Artikels noch weiter in seine Einzelteile zerlegen. In aller Herrgottsfrühe ging es am nächsten Morgen jedenfalls zum kleinen Flughafen der Stadt und von da aus mit einer einmotorigen Propellermaschine knapp eine Stunde lang über dichtes und immer dichter werdendes Grün.


(mein Luft-Mopet)

Die Landebahn in Canaima war ganz eigentlich keine „Landebahn“ und der Flughafen ganz eigentlich kein „Flughafen“, runtergekommen sind wir aber trotzdem und was am wichtigsten ist, in einem Stück. Das Basiscamp ist, wie mir unser englischsprachiger Guide Daniel erklärt ein Überbleibsel militärischer Aktivitäten in dieser Gegend, die vor allen Dingen dazu dienten die zahlreichen Diamantenminen in dieser Region unter Kontrolle zu bekommen. Heute dient es als Siedlung für die einheimische Bevölkerung, die sich in den letzten Jahren besonders auf den langsam aufblühenden Individualtourismus spezialisiert hat. Ich möchte nur kurz darauf hinweisen, dass es sich auch hier wieder um ein wie von mir bereits im Vorfeld beschriebenes „High-End-Dörfchen“ handelt. Nach zwei Stunden Freizeit die ich an einem der malerischsten Strände die mir je zu Augen gekommen sind verbracht habe, ging es auf eine erste mehrstündige Bootstour zu den umliegenden Wasserfällen.



Das kleine Umstandswörtchen „zu“ bedeutet in diesem, also meinem Fall allerdings nicht nur „in Augenweite von“ sondern viel mehr ran, rein, drunter durch und drüber weg. Und hier kommen wir zur ersten kurzen Produktinformation meiner Niederschriften: ich empfehle jedem fotoenthusiastischen Spiegelreflexkamerabesitzer den Kauf einer Ortlieb-Kameratasche, die sind nämlich –man höre und staune – nicht nur wasserdicht sondern auch wasserfalldicht! Vertrauen sie mir, dieses Mal weiß ich wovon ich rede. Ohne Testversuch gingen Tasche, Kamera und Besitzer durch einen meterdicken und aus mehreren hundert Liter anziehungskrafthörigen Wassers bestehenden Vorhang, die Kamera als einzige trockenen Fußes.


(Ortlieb sei Dank)


("...Verdammt! Und dann stehst du im Regen...")

Nach dieser bis in die Nacht dauernden aber leider trotzdem viel zu kurzen Bade-Odyssee ging es auf Speis und Trunk zurück ins Basiscamp, von wo aus am nächsten Morgen unser Trip zu den mächtigen Tafelbergen dieser Region starten sollte.

Wie und vor allen Dingen warum ich mich unbesohlt stundenlang durch die Wildnis mühte, mehr Infos zum höchsten Wasserfall der Welt, alles über den Angriff der Gottesanbeter auf mein Nachtlager und warum das alles in Australien nix neues ist…gibt’s hier in ein paar Tagen! Denn der Text ist schon fertig, nur eure Aufmerksamkeit ist am Ende.

Bis bald und passt auf Euch auf.


(Nur am Rande: Der Hellrote Ara auf dem folgenden Bild ist das Maskottchen des Basiscamps und quittierte meinen hingebungsvollen Versuch ihn mit etwas Wasser zu versorgen, mit einem liebevollen Biss in die Hacke… kleiner Mistkerl!)

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